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Wissenschaftliche Sitzung der Arbeitsgemeinschaft anlässlich des 54. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG), am 10. September 2002, im Congress Center Düsseldorf

Ethische Fragen der Intersexualität

Gernot H.G. Sinnecker
Klinik für Kinder- und Jugendmedizin
Klinikum der Stadt Wolfsburg
Sauerbruchstr. 7
38440 Wolfsburg
Tel. +49 5360 801379
Fax. +49 5360 801372
Email: Email-Kontakt

Die rasche und sichere Festlegung des Geschlechts, in dem ein Kind mit ambivalentem Genitale aufwachsen soll, ist für seine weitere Entwicklung von entscheidender Bedeutung. Diese Entscheidung ist abhängig von Anatomie, Größe und Entwicklungspotential des Phallus und den operativen und hormonellen Korrekturmöglichkeiten, sowie kulturellen Gegebenheiten, Erwartungen, Wünschen und Ängsten von Eltern, Ärzten und Bezugspersonen. Wie würde aber das Kind selbst entscheiden? Würde es dem männlichen oder weiblichen Geschlecht angehören wollen? Würde seine Individualität am besten im “dritten Geschlecht” erhalten bleiben? Welche Rolle wird ein Kind mit “drittem Geschlecht” in unserer geschlechtsdimorphen Gesellschaft einnehmen? Wird es in der Lage sein, sich selbstbewusst mit seiner Andersartigkeit zu identifizieren und seinen eigenen Weg zwischen den Geschlechtern finden? Wird es seine Andersartigkeit im Varieté zur Schau stellen oder zurückgezogen leben um seine Andersartigkeit zu verbergen? Welche Maßnahmen von Eltern und Ärzten, sind ethisch vertretbar?

Der Wunsch nach einer toleranten Gesellschaft, in der Menschen jedweder Herkunft, Rasse, Hautfarbe, Geschlechtszugehörigkeit und aller ihrer Varianten in gleichem Maße wertgeschätzt werden, ist richtig und verständlich. Leider ist weder in unserer Gesellschaft noch anderswo eine Entwicklung zu dieser Toleranz erkennbar. Kleine Abweichungen von der “Norm” reichen zur Ausgrenzung in Schul- und Freizeitgruppe. Andersartigkeit im Bereich der nach wie vor tabuisierten Geschlechtlichkeit bergen ein hohes Risiko, Leiden zu erzeugen. Der Arzt kann sich deshalb nicht durch Nichtstun der Verantwortung entziehen. Aufgrund der Schwierigkeit, den mutmaßlichen Willen eines Säuglings oder Kleinkindes abzuschätzen, sollten jedoch alle Entscheidungen mit größtmöglicher Zurückhaltung getroffen werden.

Das äußere Genitale sollte, falls erforderlich, bis zum Abschluss des ersten Lebensjahres operativ so gestaltet werden, dass es eindeutig weiblich oder männlich aussieht. Eine Reduktionsplastik der Klitoris sollte in diesem Alter möglichst nicht oder nur dann vorgenommen werden, wenn eine erhebliche phallusartige Vergrößerung vorliegt. In der Kindheit sollte eine Vaginoplastik nicht durchgeführt werden. Alle operativen Maßnahmen sollten auf ein Minimum beschränkt bleiben und auf einen Zeitpunkt nach der Pubertät verschoben werden, an dem die junge Frau selbst über sich und ihren Körper entscheiden kann. Das Bewusstsein der Patientin, kohabitationsfähig zu sein, kann Bedeutung erlangen. Dieser eigene Wunsch der Patientin sollte respektiert werden und die Entscheidung zur Operation begründen. Größere Eingriffe und Hormonbehandlungen sollten ausschließlich auf Wunsch der Patientinnen durchgeführt werden.

Das “richtige” Geschlecht sollte nach sorgfältiger Diagnostik vom pädiatrischen Endokrinologen gemeinsam mit dem Gynäkologen, Urologen oder Kinderchirurgen, dem Psychologen und Humangenetiker unter Einbeziehung psychosozialer und kultureller Rahmenbedingungen und unter Beachtung ethischer Grundsätze gemeinsam mit den Eltern des Kindes festgelegt werden.

Selbstverständlich kann es sich bei dieser Entscheidung nicht um eine absolute Wahrheit handeln, die sich jederzeit als “richtig” bewähren wird. Dennoch sollte versucht werden, unter Würdigung der individuellen Situation, eine Entscheidung zu treffen, von der zu erwarten ist, dass sie dem Kind ein unbeschwertes Leben als Mann oder Frau ermöglichen kann. Radikale Korrekturen, die sich lediglich an der Anatomie orientieren und Anlage, Prägung und Funktion zu wenig würdigen, sind abzulehnen.

Bei aller Zurückhaltung sollte die gegenwärtige Verunsicherung über das “richtige” Vorgehen jedoch nicht zu einem therapeutischen Nihilismus führen, der die Patienten und ihre Eltern ohne Hilfe und Unterstützung lässt. Durch eine rasche und unzweifelhafte Geschlechtszuweisung, kontinuierliche ärztliche und psychologische Betreuung und vertrauensvolle interdisziplinäre Zusammenarbeit sollten die Voraussetzungen geschaffen werden, dass das Kind später eine erfülltes Leben inklusive Sexualpartnerschaft führen kann.

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