M. Heinz
Kinder- und Jugendgynäkologie,
Sprechstundenzentrum am Sana Klinikum Berlin
Lichtenberg,
Fachärztin für Gynäkologie und Geburtshilfe, Berlin;
Genitale Infektionen kleiner und jugendlicher Mädchen betreffen das äußere Genitale in allen Altersgruppen (= Vulvovaginitis). Mit Aufnahme sexueller Beziehungen steigen die aszendierenden Infektionen insbesondere durch sexuell übertragbare Erreger sprunghaft an (= Adnexitis). In der Kindheit gibt es keine aszendierenden Infektionen, da in der Vagina vorhandene auch hochpathogene Erreger die Zervixschranke wegen der noch nicht vorhandenen Östrogenisierung nicht passieren können.
In der Kindheit werden bakterielle Infektionen zu fast 90% durch unspezifische Keime wie E.coli und Enterokokken verursacht, Problemkeime wie B.proteus und Klebsiella sind eher seltener. Unter den spezifischen Keimen gibt es im Kindesalter in den letzten Jahren eine Zunahme von hämolysierenden Streptokokken der Gruppe A mit ausgeprägten Rötungen der Vulva und blutig bis eitrigem Fluor. Infektionen durch Candida albicans (Soor) werden meist lediglich durch "Blickdiagnose" festgestellt und nicht durch den kulturellen Nachweis gesichert. Sie sind im Säuglings- und Kindesalter wesentlich seltener als bisher angenommen. Sexuell übertragbare Erreger, sog. Sexually transmitted diseases STD können auch bei kleinen Mädchen auftreten und sollten immer an einen sexuellen Missbrauch denken lassen. Sie sind allerdings ohne weitere Zusatzkriterien allein nicht beweisend für den Missbrauch. In der Kindheit gilt dies auch für die sehr suspekten Gonokokken, HPV 6 und 11 ( Condylomata acuminata) und Herpesviren, auch HSV 2.
In der Präpubertät und Pubertät tritt sehr häufig ein weißlicher zähflüssiger Fluor auf, der durch die sehr schwankende Östrogenausschüttung infolge der noch instabilen endokrinen Achse Hypothalamus-Hypophyse-Ovar verursacht und endokrin bedingt daher keine genitale Infektion ist. Gleichzeitig steigen Infektionen durch Candida, Anaerobier bes. Gardnerella, und Chlamydien an. Die unter dem zunehmenden Östrogeneinfluss sich entwickelnde vulnerable Ektopie des Portioepithels macht den Weg frei für aszendierende bakterielle Infektionen insbesondere durch die auf sexuellem Weg übertragenen Erreger Chlamydien und Gonokokken. Bei verzögert einsetzender Behandlung resultiert fast immer eine tubare Sterilität. Infektionen mit HPV 16 und 18 steigen mit Aufnahme sexueller Beziehungen ebenfalls sprunghaft an.
Die Prophylaxe gynäkologischer Infektionen im Kindes- und Jugendalter ist darauf gerichtet bakterielle und virale genitale Symptome und Erkrankungen bereits im Ansatz zu vermeiden. Den kleinen Mädchen können unnötige Beschwerden und therapeutische Prozeduren erspart werden. Somatische Spätfolgen gibt es bei Kindern zunächst nicht, wohl aber z.T. erhebliche psychische Alterationen bei Mädchen und Eltern infolge Polypragmasie und frustraner übertriebener Behandlungsversuche.
Infektionen in der Pubertät und Adoleszenz werden, weil sie vielfach symptomlos sind ( Chlamydien! HPV 16/18!) überhaupt nicht bemerkt und die gravierenden Folgen einer tubaren Sterilität bzw. Zusammenhänge mit der Entstehung eines Zervixkarzinoms sind nicht bekannt.
Inhalte der Prophylaxe:
90% aller Diagnosen der sog. Vulvovaginitis im Kindesalter sind durch falsche, d.h. fehlerhafte, mangelhafte oder übertriebene Hygiene im Genitalbereich bedingt und durch einfache Maßnahmen zu beseitigen.
Empfehlung: Das äußere Genitale täglich mit Wasser und mit der Hand waschen, keinen Lappen, keine Seife oder sonstige" Materialien" benutzen! Unterwäsche möglichst aus Baumwolle. Der konsultierte Arzt muß die Hygienegewohnheiten sowohl der Intimhygiene als auch der Körperhygiene akribisch erfragen und korrigieren. Ansonsten setzen sich in der Pubertät diese Gewohnheiten fort. Menstruationshygiene erfragen!.
Spätestens bei der J1 sowohl über sichere Kontrazeptionsmethoden als auch über STD aufklären, Problem aktiv ansprechen! Kondombenutzung zur Vermeidung der meisten STD zusätzlich zu einem sicheren Kontrazeptivum dringend empfehlen insbesondere bei instabilen Partnerschaften.
Impfstatus kontrollieren und evtl. ergänzen: insbes. Hepatitis B, Röteln. Über Möglichkeit der HPV-Impfung und ihren Zweck informieren.
Bei Jugendlichen mit GV auf die Notwendigkeit von gyn. Vorsorgeuntersuchungen ( PAP- Abstrich) hinweisen. Ein kostenloses Chlamydienscreening für alle Jugendlichen zumindest nach Aufnahme sexueller Beziehungen ist in Deutschland dringend erforderlich!