B. Tönshoff
Abteilung Kinderheilkunde I, Universitätskinderklinik, Heidelberg;
Eine physiologische Reifung und Funktion der Gonadotropinsekretion and damit die normale gonadale Entwicklung sind an eine umfassend intakte Gesundheit der Kinder und Jugendlichen gebunden. Jede gravierende oder chronisch beeinträchtigende gesundheitliche Störung kann das Hormonsystem des Organismus nachteilig beeinflussen. Der individuelle Verlauf hängt von der dominierenden Erkrankung und deren Behandlungsmöglichkeiten ab. Funktionelle hypogonadotrope Störungen sind grundsätzlich reversible Störungen, deren symptomatische Therapie im Einzelfall indiziert sein kann. Ursachen des funktionell bedingten zentralen (hypogonadotropen) Hypogonadismus sind zum einen verschiedene Endokrinopathien: Erworbene Störungen der Schilddrüse, late-onset-Formen der kongenitalen NNR-Hyperplasie, Cushing-Syndrom, Morbus Addison, Immunopolyendokrinopathien, Androgen-orientierte tumoröse Prozesse der NNR und Gonaden, schlecht eingestellter Diabetes mellitus und hyper-androgenämische Ovarialinsuffizienz. Eine weitere wichtige Ursache sind chronisch-konsumierende Erkrankungen nicht-endokriner Genese: Systematische Störungen der Herz-Kreislauf-, Nieren-, Lungen-, Magen-Darm- und Stoffwechselfunktionen; Medikamenten-/Drogenababusus, Leistungssport insbesondere bei Mädchen, und allgemeine und alterspezifische Belastungen, speziell psychogene Essstörungen (Anorexia nervosa, Bulimie). Exemplarisch werden im Folgenden die Störungen der Pubertätsentwicklung und der gonadotropen Hormonachse bei Mädchen mit chronischer Niereninsuffizienz (CNI) dargestellt: Der Beginn der Pubertätsentwicklung ist bei CNI im Mittel um 2 Jahre verzögert; danach schreitet die Pubertät mit normaler Geschwindigkeit voran. Im Einzelfall insbesondere unter chronischer Dialysetherapie kann die pubertäre Reifung jedoch für Jahre aussetzen. Ca. 50% der Mädchen unter Dialyse haben ihre Menarche erst nach dem 15. Lebensjahr. Die Fertilität ist bei terminaler Niereninsuffizienz deutlich reduziert; Schwangerschaften adoleszenter Mädchen sind sehr selten. An zugrunde liegenden Mechanismen zeigt sich eine gestörte neuroendokrine Kontrolle der pulsatilen LH-Sekretion im Sinne eines hypergonadotropen Hypogonadismus. Das Ausmaß des Hypergonadotropismus ist jedoch gemessen am Grad des Hypogonadismus nicht adäquat, was auf eine zusätzliche Störung der hypophysären Gonadotropinsekretion hinweist. Neben einer quantitativen Insuffizienz der Hypothalamus-Hypophysenachse findet sich in der Urämie auch eine reduzierte Bioaktivität von zirkulierendem LH durch akkumulierende bioinaktive LH-Fragmente. Nach erfolgreicher Nierentransplantation sind die genannten Störungen der gonadotropen Hormonachse bei CNI in der Regel reversibel.