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Psychologie einer Untersuchung (Teil 1)

Die erste gynäkologische Untersuchung - ein “ganz normales Erlebnis”?

aus korasion Nr. 3, Oktober 2001

Annette Remberg

Gynäkologische Untersuchungen, besonders Vorsorgeuntersuchungen, erfahren in unserer Gesellschaft zunehmend Akzeptanz, gelten als etwas Normales. Ob aber aus der Sicht von  Mädchen und jungen Frauen der erste Besuch bei einem Gynäkologen oder einer Gynäkologin  ebenso Normalitätscharakter hat, steht in Frage.

Die nachfolgenden Ausführungen basieren auf den Ergebnissen der ersten einer dreiteiligen Interviewserie mit 47 jungen Frauen, die im Rahmen einer von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung geförderten qualitativen Untersuchung zu den Lebensbedingungen, den Einstellungen und dem Verhütungsverhalten jugendlicher Schwangerer und Mütter durchgeführt wurde.

Im Teil I dieses Beitrags wird auf die Gründe der Mädchen für ihre erste Konsultation eines Frauenarztes/einer Frauenärztin sowie auf die situativen Ängste der jungen Frauen und ihren
Umgang damit eingegangen.

Weitere Faktoren, die das weibliche Erleben der ersten gynäkologischen Untersuchung negativ beeinflussen, so z.B. die Angst vor Schmerzen, werden im Teil II vorgestellt.

Das Erleben der ersten gynäkologischen Untersuchung als unangenehme Erfahrung der Mädchen ist ein solch frappantes Ergebnis der Studie, dass es sinnvoll erscheint, die Angstinhalte, die in der Realität in Kombination auftreten, analytisch einzeln darzustellen: Zunächst geht es um die Angst vor dem Untersuchungsstuhl und dem medizinischen Instrumentarium sowie um die Schamgefühle bei der Untersuchung. Originalzitate unter dem Pseudonym des jeweiligen Mädchens veranschaulichen das Erleben und die Sichtweisen der jungen Frauen.

Gründe und Anlässe für den ersten Besuch eines Gynäkologen/einer Gynäkologin

Die Mehrheit der befragten Mädchen, deren Alter bei der ersten gynäkologischen Untersuchung eruierbar war (n = 37), erlebten diese Untersuchung mit Vollendung ihres 16. Lebensjahres, 15 von ihnen bereits mit 13 Jahren. Das Durchschnittsalter bei der ersten gynäkologischen Untersuchung dieser 37 jungen Frauen lag bei etwa 14 Jahren. Von zehn Mädchen war das Alter bei ihrer ersten gynäkologischen Untersuchung aus den Unterlagen nicht rekonstruierbar. Der von unseren Untersuchungsteilnehmerinnen am häufigsten genannte Grund für den ersten Besuch einer gynäkologischen Praxis war der Wunsch, sich eine Pille verordnen zu lassen, die die meisten Mädchen explizit kontrazeptiv anwenden wollten. Nur wenige Mädchen beabsichtigten, die Pille gegen Akne und Menstruationsbeschwerden einzusetzen.

Ein geringfügig kleinerer Anteil der befragten Mädchen suchte aus eigener Motivation oder auf
Veranlassung Dritter einen Gynäkologen oder eine Gynäkologin auf, weil die Mädchen befürchteten – bzw. in zwei Fällen: erhofften –, schwanger zu sein. Diese Interviewpartnerinnen waren zu diesem Zeitpunkt zwischen 13 und 18 Jahre alt. Für sie war also die erste gynäkologische Untersuchung ihres Lebens gleichzeitig die Feststellung einer Schwangerschaft oder deren Bestätigung, sofern sie bereits selbst einen Schwangerschaftstest durchgeführt hatten oder wegen physischer Veränderungen oder Übelkeit schon vermuteten, dass sie schwanger sein könnten. Im Unterschied zu den Mädchen, die sich „beim ersten Mal“ aus anderen Gründen untersuchen ließen, hatte das Erlebnis des ersten Frauenarztbesuchs für diese Jugendlichen eine andere Qualität, da nicht das Ereignis – die Untersuchung als solche – im Vordergrund des Bewusstseins stand, sondern ihre ganze Aufmerksamkeit auf die Befürchtung bzw. die sichere Bestätigung ihrer Schwangerschaft gerichtet war – und sofort die Prozesse zur Verarbeitung dieser Nachricht einsetzten.

Einige junge Frauen suchten im Alter zwischen 11 und 15 Jahren wegen Menarche- oder Menstruationsbeschwerden und/oder starker oder unregelmäßiger Monatsblutungen einen Frauenarzt oder eine Frauenärztin auf, um die Ursachen medizinisch klären und sich gegebenenfalls Medikamente verordnen zu lassen.

Andere Interviewpartnerinnen waren etwa 16 Jahre alt, als sie selbst oder ihre Mütter (bzw. Betreuerinnen) den Zeitpunkt für die erste gynäkologische Untersuchung gekommen sahen, scheinbar ohne konkreten Grund: „Ach, einfach so, ich wollte wissen, ob alles in Ordnung ist.“ – Hinter einer solchen knapp vorgetragenen Begründung verbirgt sich häufig die beunruhigende Vorstellung von pubertierenden bzw. adoleszenten Mädchen, physisch und/oder psychisch nicht gesund, d.h. kein „normales“ Mädchen zu sein. Gerade wenn sich Mädchen im Vergleich mit Gleichaltrigen „anders“ fühlen, bewegt sie die Frage, ob sie von der Norm abweichen, oder sie haben die Sorge, (noch) keine vollwertige Frau zu sein, die einmal Kinder gebären kann. Spielen solche, die eigene Identität in Frage stellenden Gedanken bei dem Entschluss, sich einer gynäkologischen Untersuchung zu unterziehen, eine herausragende Rolle und können diese beängstigenden Vorstellungen nicht mit einer vertrauten Person bearbeitet werden, kann dies negative Auswirkungen auf das Erleben der Untersuchung haben.

Zwei Mädchen suchten gezielt wegen eines Aufklärungsgesprächs einen Gynäkologen oder eine Gynäkologin auf. Diese beiden Teenager zeigten ein angesichts ihres Alters recht zielstrebiges Auftreten bei der Beschaffung und Überprüfung von Informationen zu Fragen der Sexualität, für die sie in dem Gynäkologen einen kompetenten Ansprechpartner sahen. – Das
deutet auf einen verantwortungsbewussten Umgang mit der Sexualität hin. Um so interessanter ist die Tatsache, dass es auch diesen beiden, in diesem Zusammenhang so selbstbewusst erscheinenden Mädchen vor ihrer ersten gynäkologischen Untersuchung „grauste“, was auf Zusammenhänge hinweist, die weiter unten ausgeführt werden.

Zwei befragte Mädchen mussten sich nach zur Anzeige gebrachten Vergewaltigungen der vorgeschriebenen gynäkologischen Untersuchung unterziehen, die gleichzeitig die erste ihres Lebens war und schon wegen des Anlasses als sehr problematisch empfunden wurde. – Es ist zu berücksichtigen, dass gerade junge Vergewaltigungsopfer einer besonders empathischen Ansprache bedürfen, und es ist notwendig, diese jungen Frauen sorgfältig auf die gynäkologische Untersuchung vorzubereiten (zumal wenn es die erste Untersuchung ist) und diese behutsam und möglichst von einer Frau durchführen zu lassen.

Umgang der Mädchen mit ihrer Angst vor der ersten gynäkologischen Untersuchung

Das erstmalige Aufsuchen einer gynäkologischen Praxis ist in der weiblichen Biografie ein besonderes Ereignis, das oft mit Unsicherheiten und Ängsten verbunden ist. Die am häufigsten von den jungen Frauen verwendeten Adjektive im Zusammenhang mit der ersten frauenärztlichen Untersuchung sind „unangenehm“ und „komisch“. Sehr oft werden die Gefühle vor und während der Untersuchung mit „Angst“ umschrieben – oder gesteigert mit „totale Panik“, insbesondere bei Mädchen, deren erste gynäkologische Untersuchung gleichzeitig die Feststellung ihrer unerwünschten Schwangerschaft beinhaltete. – Dass Angst und Scham als Gefühlslage der Mädchen bei ihrer ersten gynäkologischen Untersuchung vorherrschte, ist eine frappierende Übereinstimmung in fast allen Interviews.

Trotz der mit einem Frauenarztbesuch verbundenen Ängste konsultierte etwa ein Viertel derjenigen, die hierzu eine Angabe gemacht hatten, schon „beim ersten Mal“ allein einen Frauenarzt. 15 Jugendliche gingen in Begleitung ihrer Mutter und acht mit ihrer Freundin zur ersten Untersuchung. Drei Mädchen, die in Jugendhilfemaßnahmen eingebunden waren, wurden von ihrer Erzieherin bzw. Betreuerin begleitet, weitere drei von einer weiblichen Verwandten. Eine 14jährige hatte ihren Freund mitgenommen, der vor der Frauenarztpraxis auf sie wartete.

Im Umgang mit den Ängsten vor und während der ersten gynäkologischen Untersuchung
lassen die Aussagen der jungen Frauen im wesentlichen drei Verhaltensmuster erkennen: Die jungen Frauen lassen sich von einer vertrauten Person begleiten, sie stellen sich der Angst allein bzw. halten sie aus, oder – sehr selten – sie weigern sich vor dem Arzt/der Ärztin, die Untersuchung durchführen zu lassen.

Einige junge Frauen, die den Gynäkologen/die Gynäkologin „beim ersten Mal“ allein aufgesucht hatten, wollten ihre Unsicherheit und Angst vor der Untersuchung allein bewältigen und sie anderen nicht zeigen („Da kann ich niemand um mich herum brauchen.“), was zum Teil sicherlich auch vor dem Hintergrund jugendlichen Eigenständigkeits- und Unabhängigkeitsstrebens zu sehen ist. Andere Mädchen verheimlichten den Frauenarztbesuch, weil sie eine Schwangerschaft befürchteten und sich schämten. Eine Minderheit von Mädchen ließ eine Untersuchung nicht zu, weil die jungen Frauen Angst hatten oder sich in der Untersuchungsatmosphäre nicht wohl fühlten. – Dieses Verhaltensmuster kann als ein selbstbewusster und autonomer Umgang mit dem eigenen Körper interpretiert werden, zeigt aber die große Verunsicherung der Mädchen in dieser biografisch erstmaligen Situation an.

Vertraute Personen als Begleitung der Mädchen bei der ersten gynäkologischen Untersuchung

Auffallend ist, dass eine männliche Person als Begleitung der Mädchen zu ihrer ersten gynäkologischen Untersuchung offenbar nicht in Frage kommt. – Die Abwesenheit von Männern und einige Äußerungen unserer Interviewpartnerinnen legen den Schluss nahe, dass der Frauenarztbesuch in der Vorstellung der jungen Frauen eine rein weibliche Angelegenheit ist und als solche unbewusst oder bewusst vertreten wird, bis hin zu der Überzeugung, die Gynäkologie gehöre in Frauenhände.

Die Meinung, dass die Gynäkologie Frauensache sei, wurde von einigen jungen Frauen im Verlauf ihrer Schwangerschaft aufgegeben. Sie bezogen dann die Kindsväter ein und ließen sie an der Ultraschalldiagnostik teilnehmen oder sich von ihnen zu den Vorsorgeuntersuchungen begleiten. Dahinter steht häufig die Vorstellung der jungen Schwangeren von einer gemeinsamen Verantwortung für das Kind, die sie von Anfang an von dem Kindsvater mitgetragen wissen wollen.

Die meisten der befragten Mädchen suchten sich für die erste frauenärztliche Untersuchung Rückhalt in einer älteren weiblichen Vertrauensperson, wobei die Mütter und andere Frauen aus verwandtschaftlichen oder betreuerischen Zusammenhängen in der Häufigkeit an erster Stelle standen. – Dies erscheint zunächst erstaunlich, da sich Jugendliche in der Pubertät oder frühen Adoleszenz aus den Familienverbänden lösen und besonders im Bereich der Sexualität eher dahin tendieren, Distanz zu den Eltern zu halten und den Austausch mit Gleichaltrigen zu suchen. Doch in dieser für die Mädchen mit erheblichen Ängsten verbundenen, völlig neuen Situation kommt der älteren, erfahrenen Frau offenbar eine Schutzfunktion zu. Hinzu kommt, dass bei einem Teil der jungen Frauen die Mütter (oder Betreuerinnen) den ersten Frauenarztbesuch anregten oder sogar initiierten. In diesen Fällen wird es sowohl von dem Mädchen als auch von der Mutter als selbstverständlich angesehen, dass sie ihre Tochter begleitet.

Die („beste“) Freundin als Begleitperson spielt als Verbündete eine wichtige Rolle. Sie gilt als Gleichrangige, mit der die Erfahrung des ersten Frauenarztbesuchs gemeinsam erlebt wird, wobei die Mädchen sich gegenseitig Mut machen, einen Termin in einer gynäkologischen Praxis zu vereinbaren. Freundinnen, die dieses „erste Mal“ bereits hinter sich und dadurch einen Erfahrungsvorsprung haben, übernehmen eine ähnliche Schutzfunktion wie die Mütter. Dass die Freundinnen bei unseren Interviewpartnerinnen nur an zweiter Stelle der Vertrauenspersonen standen, die in das Ereignis des ersten Frauenarztbesuchs einbezogen wurden, mag darauf zurückzuführen sein, dass die Freundinnen ebenso oder annähernd so unerfahren in Bezug auf gynäkologische Zusammenhänge waren wie die Betroffene selbst, so dass ein Teil der Mädchen im Zweifelsfall lieber auf die Erfahrung und den Schutz der Mutter oder einer anderen erwachsenen Frau zurückgegriffen haben.

Darüber hinaus hängt die Entscheidung der Mädchen, wen sie sich als Begleitperson auswählen, von ihrem Alter, dem Grad der Ablösung von ihrer Mutter, der Art des Vertrauensverhältnisses zu der jeweiligen Person und von dem Anlass des ersten Frauenarztbesuchs ab.

Die erste gynäkologische Untersuchung als unangenehme Erfahrung

Von 42 Frauen, die sich über ihre Gefühle bei ihrem ersten Frauenarztbesuch äußerten, behielt die Mehrheit von 28 Befragten ihre erstmalige gynäkologische Untersuchung als unangenehme oder sogar „schreckliche“ Erfahrung in Erinnerung. Sie beschrieben die Untersuchung in der Rückschau als „peinlich“, „schrecklich“, „ekelhaft“ oder „beschämend“. Die anderen jungen Frauen empfanden das Erlebnis zwar nicht als angenehm, jedoch nicht so „schlimm“ wie erwartet, waren positiv überrascht oder beurteilten die Untersuchung als eher unproblematisch. Bis auf sehr wenige Ausnahmen gingen aber alle jungen Frauen mit Angst in die Untersuchung!

Viele der Interviewpartnerinnen konkretisierten ihre Gefühle und benannten, was die erstmalige gynäkologische Untersuchung für sie unangenehm gemacht hatte und weshalb dieses Ereignis ihnen in schlechter Erinnerung geblieben war. In der Rangfolge der häufigsten Nennungen waren dies:

  • Angst und Abscheu vor dem gynäkologischen Stuhl und den medizinischen Instrumenten,
  • Schamgefühle bei der Untersuchung,
  • Gründe, die mit dem Verhalten des Arztes oder der Ärztin zu tun haben,
  • Angst vor Schmerzen oder erlebte Schmerzen bei der Untersuchung,
  • Mangelhaftes Vorwissen.

Die Angst vor dem gynäkologischen Stuhl und dem medizinischen Instrumentarium

Zunächst ist beachtlich, mit welcher Übereinstimmung die meisten jungen Frauen – selbst diejenigen, die den ersten Frauenarztbesuch weniger unangenehm als erwartet erlebt hatten – ihre Angst, teilweise ihr Entsetzen beim Anblick des gynäkologischen Stuhls äußern. Diese zum Teil sehr heftige Reaktion auf den Untersuchungsstuhl ist zum einen auf die Tatsache zurückzuführen, dass die Mädchen einen solchen Stuhl nie zuvor gesehen bzw. sich eine völlig falsche Vorstellung von ihm gemacht hatten. Für die Mädchen haftet dem Untersuchungsstuhl
etwas beängstigend Klinisches und Monströses an, zumal wenn er – in der Mitte des Untersuchungszimmers platziert – auch als psychologisches Moment einen breiten Raum einnimmt und der Patientin durch seine starke Präsenz der Eindruck vermittelt wird, für Entspannung – z.B. durch ein klärendes Gespräch – sei kein „Raum“ mehr übrig.

Daniela: „Ja, also mein erstes Mal war so: Ich kam hier in den Raum rein, ich denk’ ‚Was ist das denn? Das darf nicht wahr sein!‘ Ich wollte erst sagen: ‚Ich geh’ da nicht drauf, ne. Sie wollen ja nicht von mir verlangen, dass ich da wirklich jetzt drauf?‘ Ich dachte jetzt, man muss sich da nur hinsetzen, so wie auf so einen normalen Stuhl. Ich dachte nicht, dass man da noch die Beine so hin –. Ja, und dann kam es: ‚Legen Sie die Beine mal so hin‘. Ich so: ‚Wie bitte?‘ – hab’ ich so bei mir gedacht. Ja, dann hab’ ich sie so hingelegt. Ja, und dann gehen die mit so ’ner Klemme, glaub’ ich, noch dran und das ist auch – kann ich überhaupt nicht haben, mit diesem Blech dann noch, das Kalte und alles. Und dann geht die ja mit ihrem Finger da noch rein. Also das fand ich nicht angenehm. Es ist auch heute noch nicht angenehm für mich. Immer wenn ich da hinkomme und den Stuhl sehe, das ist noch wirklich fast ein Alptraum, kann man sagen ...“ (Int. 44, S. 34 u. 35 f., 16 Jahre, Alter bei der ersten gynäkologischen Untersuchung: etwa 13 Jahre).

Zum anderen manifestiert sich in dem gynäkologischen Stuhl die Vorstellung des Ausgeliefertseins, hervorgerufen durch die Position, in die sich die Frau – halb entkleidet – mit gespreizten und in Beinschalen gelegten Beinen begeben muss – eine schutzlose Position, aus der es dann dem Gefühl nach kein Entrinnen gibt.

Peggy: „Und als ich dann das erste Mal bei der N.N. (Ärztin) war, das war schon zwar  unangenehm, aber was sollt’ ich denn machen? Ich konnte es ja dann nicht mehr ändern – die Schwester (Arzthelferin) stand denn auch mit daneben. Und das war denn irgendwo schon ’n bisschen peinlich. Ich hab’ mich dann irgendwo schon geschämt, ja“ (Int. 41, S. 31, 19 Jahre, Alter bei der ersten gynäkologischen Untersuchung: 16 Jahre).

Die dann in dieser Körperstellung erfolgende Untersuchung mit den („kalten“) Instrumenten, die von einer dem Mädchen fremden Person in die Vagina eingeführt werden, und die Palpation stehen an zweiter Stelle der Negativinhalte, die von den jungen Frauen mit ihrer ersten gynäkologischen Untersuchung in Verbindung gebracht werden. Obwohl schon seit langem bekannt ist, dass Ängste und Hemmungen der Patientinnen beispielsweise durch die Anordnung des Mobiliars (insbesondere des Untersuchungsstuhls), durch Farbwahl und Dekorationsgegenstände im Untersuchungsraum gemildert werden können und die Schaffung einer in dieser Hinsicht guten Atmosphäre dazu beitragen kann, ein vertrauensvolleres Arzt-Patientin-Verhältnis zu schaffen, werden solche Erkenntnisse bei der Praxisausstattung nicht durchgängig oder nicht genügend berücksichtigt.

Zudem ist auch die Trennung von Besprechungs- bzw. Beratungsbereich und Untersuchungsbereich sinnvoll. Auch die Benutzung nicht angewärmter Instrumente ist ein unnötiger Störfaktor, der leicht durch einfache technische Möglichkeiten beseitigt werden kann.

Scham und unangenehme Empfindungen bei der Untersuchung

Die Mädchen bringen mit ihren zum Teil drastischen Äußerungen zum Ausdruck, dass die Untersuchung bei ihnen Gefühle der Scham und der Entfremdung vom eigenen Körper hervorrief. Sofern sie keine (sexuellen) Gewalterfahrungen gemacht haben, stehen die Mädchen erstmals der Erfahrung gegenüber, ihrer körperlichen Intimsphäre „beraubt“ zu werden. Die Berührung ihrer intimsten Körperzonen – und zwar nicht etwa in einer sexuellen Situation mit einem vertrauten Menschen, sondern in einer klinischen Situation mit einer noch fremden Person – führt zu Irritationen. Formulierungen wie „dass da jemand rummacht“, dass „einer in dir rumwühlt“, „irgendeine fremde Person an meinem Körper rumspielt“, „man sich da hinpacken lassen muss“ machen darüber hinaus Gefühle der Ohnmacht bei einer von ihnen als äußerst unangenehm empfundenen „Handlung“ deutlich.

Dies trifft in besonderem Maße auf Mädchen zu, die weder durch Geschlechtsverkehr oder Austausch von Intimitäten (z.B. Petting) noch durch Masturbation intime Berührungen erfahren haben. Besonders wenn die Untersuchung vor dem ersten Geschlechtsverkehr oder in sehr jungem Alter stattfindet, bewirkt das Einführen der medizinischen Instrumente ein Gefühl der Entfremdung vom eigenen Körper, was beispielsweise in einer entpersönlichten Wortwahl der Mädchen wie z.B., „dass da jemand rummacht“, zum Ausdruck kommt.

Die meisten Mädchen nehmen Scham und andere unangenehme Empfindungen hin, ohne sie zu bearbeiten. Die emotionalen Aspekte werden verdrängt, und das von den Mädchen kaum artikulierbare Unangenehme (das „Komische“) wird dem Bereich „Normalität“ zugewiesen. Für die Konsultation eines Frauenarztes werden dann rationale Gründe in den Vordergrund gerückt, so z.B. die Verantwortung für die eigene Gesundheit oder die des Kindes, um die unangenehmen Gefühle zu bewältigen.

Gabriela: „Ich bin auch direkt drei Tage, nachdem ich den Schwangerschaftstest gemacht hab’, hab’ ich den ersten Termin (beim Frauenarzt) gekriegt. Bin dann dort hingegangen. Ja, ich wollt’ ja nicht, dass dem Kind irgendwas passiert. Es muss ja gesund sein. Deshalb muss ich ja dahin” (Int. 31, S. 29 f., 17 Jahre).

Die emotionalen Aspekte werden Gunsten rationaler Argumente zurückgestellt, meist schon nach dem ersten Frauenarztbesuch und oft in frühem Alter, bzw. sie bleiben gänzlich unberücksichtigt. Damit wird eine Chance verpasst, gynäkologischen Zusammenhänge positiv in die weibliche sexuelle Biografie integrieren.

(Wird fortgesetzt.)
Verfasserin: Dr. phil. Annette Remberg, Westf. Wilhelms-
Universität, Institut für Soziologie, Scharnhorststraße
121, 48151 Münster,
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