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Frühentwickler - Spätentwickler:

Sexuelle Reifungszeichen als Marker für das biologische Alter

aus korasion Nr. 1, Februar 2007

Holle Greil

Auf der Grundlage einer anthropologischen Studie an 8675 Jungen und 8689 Mädchen im Alter von 8 bis zu 17 Jahren aus deutschen Großstädten, Klein- und Mittelstädten sowie Dörfern wird der Zusammenhang zwischen geschlechts- und körperbauspezifischem Wachstum und sexueller Reifung dargestellt. Während das kalendarische Alter, in dem die einzelnen Reifungsstadien beobachtet werden, im Rahmen der säkularen Akzeleration immer jünger geworden ist, hat sich die Abfolge des Erscheinens der unterschiedlichen Reifungsstadien nicht verändert.

Sexuelle Reifung korreliert mit der genetisch verankerten allgemeinen Wuchstendenz, d.h. dem Körperbautyp. Pyknomorphe Mädchen sind ausgesprochene Frühentwickler. Leptomorphe Mädchen reifen später. Jungen reifen insgesamt später als Mädchen, zeigen jedoch keine ausgeprägten körperbautypspezifischen Unterschiede in ihrem Reifungstempo.

Sexuelle Reifungszeichen

Körperliche Anzeichen der sexuellen Reifung kennzeichnen den nach ihnen benannten biologischen Altersabschnitt des Reifungsalters in charakteristischer Weise. Sie sind eine Art biologischer Kalender, nach dem Entwicklungsstand und zu erwartende Reifungsereignisse durch einfache Somatoskopie gut einschätzbar sind. Kenntnisse von Mittelwerten, Variabilitätsbereichen und Abfolge des Erscheinens einzelner sexueller Reifungszeichen ermöglichen einen Abgleich des kalendarischen zum biologischen Alter und eine Einschätzung, ob ein Heranwachsender ein Frühentwickler oder ein Spätentwickler ist (1).

In der Fachliteratur werden die das Pubertätsgeschehen im weiteren Sinne kennzeichnenden biologischen Altersbezeichnungen unterschiedlich verwendet, was nicht selten zu Missverständnissen führt. Eine nach wie vor praktikable Einteilung geht auf H. Grimm zurück (2). Er gliedert das biologische Reifungsalter in die Phasen der Präpubertät, Pubertät und Adoleszenz: Als Präpubertät wird die Zeit zwischen den ersten Entwicklungsstufen der Reifungszeichen Brust (Mamma) bei Mädchen und Genitale (Penis bzw. Scrotum) bei Jungen und der ersten Reifungsstufe der Schambehaarung (Pubes) bezeichnet.

Geschlechtsspezifisch unterschiedlich ist mit der Phase der Präpubertät ein charakteristischer Längenwachstumsschub verbunden, den H. Grimm wegen der stattfindenden Veränderungen der Körperproportionen als zweiten Gestaltwandel bezeichnet. Es schließt sich die Pubertät im engeren Sinn an, die mit der Menarche bzw. Spermarche endet.

Damit ist der frühest mögliche Beginn des fertilen Alters gekennzeichnet. Das Längenwachstum des Körpers ist zu diesem Zeitpunkt aber noch nicht abgeschlossen. Die Zeit zwischen Menarche/Spermarche und dem Erreichen der Körperendhöhe wird im deutschen Sprachgebrauch als Adoleszenz bezeichnet. In der englischsprachigen Literatur meint der Begriff „prepuberty“ aber auch das infantile Stadium vor Beginn des Reifungsalters, das dann in seiner Gesamtheit als „puberty“ definiert wird (3,4,5). Auch der Begriff der Adoleszenz wird unterschiedlich definiert. Häufig wird der präpuberale Längenwachstumsschub, der sich im Spektrum des Reifungsgeschehens relativ früh ereignet, als„adolescent growth spurt“ bezeichnet (5).

H. Greil (1) gibt einen Überblick über die unterschiedlichen Definitionsmöglichkeiten und strebt eine internationale Vereinheitlichung an. Für die Beurteilung der einzelnen sexuellen Reifungszeichen besteht eine derartige einheitliche Sichtweise seit den wegweisenden Publikationen von J.M. Tanner (6, 7). Auch wir folgten bei unseren Einschätzungen dem Tannerschen Schema, um festzustellen, in welchem kalendarischen Altersbereich Jungen und Mädchen heute in unserer Bevölkerung ihre sexuelle Reifung erleben.

Zusätzlich unterteilten wir die Probanden unserer sehr umfangreichen Stichprobe nach ihrem Körperbautyp. Damit wird die Frage aufgegriffen, ob das individuelle Tempo der körperlichen Entwicklung ein konstitutionsbiologisches Merkmal ist, d.h. ob die Einbeziehung der allgemeinen Wuchstendenz eines heranwachsenden Menschen zu einer klareren Beurteilung seines individuellen sexuellen Reifungsgeschehens beitragen kann.

Stichprobe und Methoden

Bei einer Stichprobe von 8675 Jungen und 8689 Mädchen im Alter von 8 bis zu 17 Jahren aus Großstädten, Klein- und Mittelstädten sowie Dörfern der Neuen Bundesländer der BRD wurden zusätzlich zur Messung von Körperhöhe, Körpermasse, Brustkorbbreite und Brustkorbtiefe nach den Richtlinien von Martin und Saller (8) die Stadien der sexuellen Reifung von Brust (B) und Pubikalbehaarung (PH) bei Mädchen und von Genitale/Penis (GP), Genitale/Scrotum (GS) und Pubikalbehaarung (PH) bei Jungen nach J.M. Tanner festgestellt (3,6,7). Erfragt wurden außerdem der Status quo für Menarche und Spermarche und gegebenenfalls das kalendarische Alter bei Eintritt dieser Ereignisse.

Die Spermarche war definiert als erster spontaner Samenfluss. Teilergebnisse der Studie wurden bereits publiziert (9,10). Bei der vorliegenden Arbeit wurden zur Vorbereitung der statistischen Auswertung Jahresaltersgruppen mit der Altersmitte beim nächst liegenden Geburtstag bzw. Halbjahresgruppen nach demselben Prinzip gebildet.

Der Körperbautyp wurde durch den Metrik-Index nach E. Strömgren (11) und K. Conrad (12) bestimmt. Dabei wurde die Einteilung nach H. Greil für die Bildung der Kategorien leptomorph, metromorph und pyknomorph verwendet (13, 14).Der Metrik-Index ist ein gewichtetes Verhältnis der auf das Skelett bezogenen Körpermaße Brustkorbtiefe und Brustkorbbreite zur Körperhöhe. Er wird als genetisch fundiert angesehen. Menschen behalten ihren Körperbautyp lebenslänglich bei.

Auf einer Variationsreihe zwischen einem niedrig-breitwüchsigen, pyknomorphen und einem hoch-schlankwüchsigen, leptomorphen Pol trennt der Metrik-Index (MI) die 20% der Individuen mit den niedrigsten Werten als leptomorphe Gruppe von den folgenden 60% mit den mittleren Werten als metromorphe Gruppe und den 20% mit den höchsten Werten als pyknomorphe Gruppe. Er wird geschlechtsspezifisch nach folgenden Formeln berechnet:
MIweiblich = - 2,6539 – (0,0348 x Körperhöhe in cm)
+ (0,1640 x Brustkorbbreite in cm)
+ (0,1799 x Brustkorbtiefe in cm);
MImännlich = - 0,03647 – (0,0401 x Körperhöhe in cm)
+ (0,1253 x Brustkorbbreite in cm)
+ (0,1540 x Brustkorbtiefe in cm).

Hinsichtlich ihres Längenwachstums sind Mädchen bis zum zweiten Gestaltwandel schneller als Jungen. Innerhalb eines Geschlechts sind bis zum zweiten Gestaltwandel jeweils die pyknomorphen Individuen diejenigen, die eine höhere Längenwachstumsgeschwindigkeit aufweisen. Sie sind die Frühentwickler.

Die leptomorphen Individuen wachsen langsamer. Sie sind die Spätentwickler. Da Frühentwickler einen deutlich früheren Wachstumsabschluss gegenüber Spätentwicklern haben, erreichen die langsamen leptomorphen Individuen jedoch letztendlich die größere Körperendhöhe.

In diesem Zusammenhang ist zu prüfen, ob sich die Entwicklung der sexuellen Reifungszeichen während des biologischen Reifungsalters in ähnlicher Weise körperbautypspezifisch vollzieht wie das Längenwachstum.

Ergebnisse

Mädchen wachsen im Mittel rascher als Jungen. Sie sind verglichen mit Jungen desselben kalendarischen Alters Frühentwickler. Das kommt sehr deutlich durch einen früheren Beginn des charakteristischen Längenwachstumsschubs während des Reifungsalters zum Ausdruck. Der Wachstumsschub beginnt bei Mädchen im Mittel zwischen 10,0 und 10,5 Jahren und bei Jungen etwa ein Jahr später. Der Gipfel der Längenwachstumsgeschwindigkeit wird im weiblichen Geschlecht bereits zwischen 11,0 und 11,5 Jahren erreicht, im männlichen Geschlecht aber erst zwischen 13,0 und 13,5 Jahren.

Aufgrund des rascheren Anstiegs der Wachstumsgeschwindigkeit bei Mädchen sind diese zwischen 9,7 und 13,4 Jahren im Mittel größer als kalendarisch gleichaltrige Jungen, weil sie biologisch älter sind. Diese positive sexuelle Heterophasie der Mädchen ist etwas verzögert auch für die Körpermasse zu beobachten. Mädchen sind im Mittel zwischen 10,5 Jahren und 14,1 Jahren schwerer als gleichaltrige Jungen. Nach dem 16. Geburtstag geht die mittlere Wachstumsgeschwindigkeit der Körperhöhe bei Mädchen jedoch gegen Null, w ährend Jungen am Ende des von uns beobachteten Alters im Mittel ihre Körperendhöhe noch nicht erreicht haben (Abb. 1).

Abbildung 1: Medianwerte von Körperhöhe und Körpermasse bei Jungen und Mädchen

Abb. 1: Medianwerte von Körperhöhe (KPH) und Körpermasse (KM) bei Jungen (M) und Mädchen (W). Die Pfeile markieren Beginn und Ende der positiven sexuellen Heterophasie der Mädchen.

Nach unseren Ergebnissen beginnt die Ausbildung der ersten sexuellen Reifungszeichen bei den Frühentwicklern bereits ab einem Alter von acht Jahren und dauert fast bis zum siebzehnten Geburtstag an. Tab. 1 gibt eine Übersicht über das zeitliche Erscheinen der unterschiedlichen Reifungszeichen. Aufgezeichnet ist das Alter, in dem die einzelnen Reifungsstadien jeweils bei 1%, 3%, 10%, 50%, 90%, 97% und 99% der Studienteilnehmer beobachtet wurden.

Tab. 1:
Sexuelle Reifungszeichen je nach dem Alter, in dem das betreffende Reifungsstadium bei 1%, 3%, 10%, 50% (Medianwert), 90%, 97% und 99% der Probanden zu beobachten ist
Mädchen
Merkmal/Stadium 1% 3% 10% 50% 90% 97% 99%
Mamma 2 8,1 8,4 9,1 10,9 12,5 13,4 14,2
Mamma 3 9,4 10,0 10,7 12,5 15,0 16,1 16,4
Mamma 4 10,8 11,4 12,1 14,1 16,1 16,4 16,7
Mamma 5 11,7 12,4 13,3 15,3 16,4 16,7 16,8
Pubes 2 8,5 9,1 9,6 11,4 12,8 13,6 14,0
Pubes 3 9,7 10,3 10,9 12,5 14,5 15,8 16,3
Pubes 4 10,6 11,3 11,9 13,8 15,8 16,3 16,4
Pubes 5 11,8 12,2 13,1 15,1 16,4 16,7 16,8
Menarche 10,1 10,7 11,4 12,7 14,1 14,7 15,2
Jungen
Penis 2 8,1 8,3 8,8 11,1 12,8 13,6 14,2
Penis 3 8,4 8,7 10,2 12,9 14,7 15,6 16,1
Penis 4 11,6 12,3 13,1 14,5 16,1 16,5 16,8
Penis 5 13,2 13,7 14,4 15,7 16,5 16,8 16,9
Scrotum 2 8,1 8,3 8,8 11,1 12,8 13,7 14,3
Scrotum 3 8,4 9,1 10,6 13,0 14,8 15,5 16,1
Scrotum 4 12,1 12,4 13,2 14,6 16,1 16,4 16,7
Scrotum 5 13,3 13,7 14,4 15,7 16,5 16,8 16,9
Pubes 2 8,4 8,6 9,6 11,8 13,6 14,4 15,1
Pubes 3 10,2 10,8 11,7 13,3 14,9 15,6 16,1
Pubes 4 11,7 12,3 13,2 14,5 16,1 16,4 16,7
Pubes 5 13,1 13,4 14,1 15,5 16,5 16,8 16,9
Spermarche 11,8 11,8 12,5 13,8 15,1 15,7 15,7

Bei Mädchen ist das erste Reifungszeichen das Erscheinen der Brustknospe (Mamma-Stadium 2). Dies geschieht bei 1% der Mädchen bereits mit 8,1 Jahren. Mit 14,2 Jahren haben 99% aller Mädchen dieses Stadium erreicht. Das mittlere Alter für das Stadium 2 liegt bei 10,9 Jahren. Dies ergibt unter Einbeziehung von 98% der Studienteilnehmerinnen eine Altersspannweite von 6,1 Jahren, in der es – in 98% – beobachtet werden kann. Für das Stadium 3 beträgt diese Altersspannweite 7,0 Jahre, für das Stadium 4 sind es 5,9 Jahre, und für das Stadium 5 sind es 5,1 Jahre. Im Mittel wurde für die Entwicklung von Stadium 2 bis zu Stadium 5 eine Zeitspanne von 4,4 Jahren beobachtet.

Bei der Schambehaarung der Mädchen (Pubes) beginnt die Entwicklung etwas später, verläuft aber im Mittel akzelerierter. Das mittlere Menarchealter liegt bei 12,7 Jahren, und zwar bei Einbeziehung von 98% der Studienteilnehmerinnen mit einer Altersspannweite von 10,1 bis zu 15,2 Jahren. Die höchste mittlere Wachstumsgeschwindigkeit liegt zwischen 11,0 und 11,5 Jahren und damit früh innerhalb des gesamten Reifungsgeschehens.

Bei Jungen beginnt das Reifungsalter mit Veränderungen am äußeren Genitale (Tab. 1, Penis und Scrotum). Beide Reifungsmerkmale entwickeln sich fast zeitgleich in einem mittleren Alter von 11,1 Jahren für Stadium 2 und einer mittleren Zeitdauer von 4,6 Jahren bis zum Erreichen des reifen Stadiums 5.

Auch bei Jungen beginnt die Entwicklung der Schambehaarung etwas verzögert gegenüber der Entwicklung des äußeren Genitale. Die Medianwerte liegen bei 11,8 Jahren für Stadium 2 und 15,5 Jahren für Stadium 5. Damit verläuft die Entwicklung der Schambehaarung zwar geschlechtsspezifisch zeitversetzt, aber bei beiden Geschlechtern mit derselben Geschwindigkeit.

Der Spermarchemedian liegt bei 13,8 Jahren. Die höchste mittlere Wachstumsgeschwindigkeit liegt bei Jungen zwischen 13,0 und 13,5 Jahren und damit im Geschlechtervergleich nicht nur absolut, sondern auch im Rahmen des gesamten Reifungsgeschehens später als bei Mädchen.

Beginn und Tempo beim Erscheinen der einzelnen sexuellen Reifungszeichen sind wie das Wachstumstempo abhängig von der Wuchsform, dem Körperbautyp. Ein einfaches Rechenmaß zur Differenzierung der gedrungenen und breitwüchsigen pyknomorphen Körperbautypen mit relativ großen sagittalen Rumpfdurchmessern, Neigung zum Fettansatz und eher kurzen Gliedmaßen von den hochwüchsigen, langgliedrigen schlanken leptomorphen Körperbautypen mit relativ geringen sagittalen Rumpfdurchmessern ist der wegen des typischen Sexualdimorphismus geschlechtsspezifisch zu berechnende Metrik-Index.

Abbildung 2: Altersbezogene kumulative Häufigkeit der Reifungsstadien 2 und 5 der weiblichen Brust

Abb. 2: Altersbezogene kumulative Häufigkeit der Reifungsstadien 2 (Brustknospe) und 5 (reife Brust) der weiblichen Brust bei pyknomorphen (P), metromorphen (M) und leptomorphen (L) Mädchen.

Bei einer Unterteilung der Stichprobe in pyknomorphe, metromorphe und leptomorphe Probanden erweisen sich bei den Mädchen die pyknomorphen Studienteilnehmerinnen hinsichtlich ihrer sexuellen Reifung als Frühentwickler. Sie erreichen das Reifungsstadium 2 der Brust (Brustknospe) fast drei Jahre früher als die leptomorphen Mädchen (Abb. 2). Auch das adulte Stadium (reife Brust) wird früher erreicht, jedoch sind diesbezüglich die körperbautypspezifischen Tempounterschiede deutlich geringer. Bei Jungen betragen die körperbautypspezifischen Entwicklungsunterschiede bei der Reifung von Penis und Scrotum zu Beginn des Reifungsgeschehens weniger als ein halbes Jahr. Hier zeigen die leptomorphen Typen eine Tendenz zum früheren Reifungsbeginn und die pyknomorphen
Typen sind die Spätentwickler.

Das adulte Stadium wird von allen Typen nahezu gleichzeitig erreicht (Abb. 3). In Abb. 4 sind die kumulativen Häufigkeiten des ersten und des letzten Stadiums der Schambehaarung für beide Geschlechter dargestellt. Wiederum erreichen die pyknomorphen Mädchen zuerst das Reifungsstadium 2 (erste Schamhaare, Pubarche). Sie sind auch diejenigen, deren Schambehaarung zuerst das reife Stadium erreicht. Jungen beginnen etwa ein halbes Jahr später als Mädchen, aber körperbautypspezifisch in derselben Reihenfolge mit der Entwicklung der Schambehaarung.

Abbildung 3: Altersbezogene kumulative Häufigkeit der Reifungsstadien 2 und 5 von Penis und Skrotum

Abb. 3: Altersbezogene kumulative Häufigkeit der Reifungsstadien 2 und 5 von
Penis und Skrotum bei pyknomorphen (P), metromorphen (M) und leptomorphen
(L) Jungen.

Abbildung 4: Altersbezogene kumulative Häufigkeit der Reifungsstadien 2 und 5 bei Mädchen und Jungen

Abb. 4: Altersbezogene kumulative Häufigkeit der Reifungsstadien 2 und 5 bei
pyknomorphen (P), metromorphen (M) und leptomorphen (L) Mädchen (W)
bzw. Jungen (M).

Das Erreichen des reifen Stadiums zeigt bei ihnen, wie bereits bei der Reifung von Penis und Scrotum beobachtet, keine zeitliche Körperbautypspezifik. Menarche und Spermarche sind in das äußerlich sichtbare Reifungsgeschehen eingebettet. Die Menarche ereignet sich reichlich ein Jahr früher als die Spermarche und erfolgt wiederum ausgesprochen körperbautypspezifisch zuerst bei den pyknomorphen Mädchen, dann bei den metromorphen und zuletzt bei den leptomorphen (Abb. 5). Der zeitliche Unterschied beträgt etwa ein Jahr. Die Spermarche ist, wie die ersten Reifungsstadien von Penis und Scrotum und das erste Erscheinen der Schambehaarung, tendenziell zuerst bei den leptomorphen Jungen zu beobachten. Allerdings zeigen die pyknomorphen Jungen bei der kumulativen Häufigkeit eine Art Aufholeffekt (Abb. 5).

Abbildung 5: Altersbezogene kumulative Häufigkeit von Menarche und Spermarche bei Mädchen und Jungen

Abb. 5: Altersbezogene kumulative Häufigkeit von Menarche und Spermarche
bei pyknomorphen (P), metromorphen (M) und leptomorphen (L) Mädchen
(W) bzw. Jungen (M)

Diskussion

Mädchen werden im Mittel etwas kleiner und leichter geboren als Jungen, wachsen aber bis zum Längenwachstumsschub während des Reifungsalters beschleunigter (15). Dabei ist das Wachstumstempo bei pyknomorphen Mädchen am höchsten (16). Charakteristisch für diese Mädchen sind ein hoher Body Mass Index (BMI) und relativ viel subkutanes Fettgewebe (13, 17).

Das Tempo der sexuellen Reifung erfolgt nach einem sehr ähnlichen zeitlichen Muster wie das des Wachstums. Pyknomorphe Mädchen sind auch diesbezüglich die Frühentwickler. J.A. Morrison et al. (18), S.S. Yalcin et al. (19) und P.B. Kaplowitz et al. (20) differenzierten ihre Probandinnen zwar nicht nach dem Körperbautyp, fanden aber positive Korrelationen zwischen einem hohen BMI und einer beschleunigten sexuellen Reifung. P.T. Ellison (4) berichtet von einer beschleunigten sexuellen Reifung bei Mädchen mit hohem Gesamtkörperfettgehalt.

Längenwachstumsschub und sexuelle Reifung sind eng miteinander verbunden, jedoch erreicht die Wachstumsgeschwindigkeit im zeitlichen Rahmen des gesamten Reifungsgeschehens bei Mädchen deutlich früher ihren Gipfel. Zu diesem Zeitpunkt haben Mädchen im Mittel noch nicht das Reifungsstadium 3 für die Entwicklung der Brust und der Schambehaarung erreicht. Demgegenüber befinden sich Jungen etwa ein Reifungsstadium weiter, wenn bei ihnen der Längenwachstumsschub eintritt. Die spätere Positionierung des Längenwachstumsschubs bei Jungen im gesamten Wachstums- und Reifungsgeschehen führt dazu, dass – auf das kalendarische Alter bezogen – zwischen den Geschlechtern die höchste Wachstumsgeschwindigkeit bei Jungen im Mittel erst reichlich zwei Jahre später erreicht wird als bei Mädchen, die einzelnen Reifungsstadien im Geschlechtervergleich jedoch zeitlich enger beieinander liegen. Zwischen Menarchemedian und Spermarchemedian liegen nur 11 Monate. Bei der Pubarche ist die Zeitdifferenz noch einmal deutlich geringer.

Mädchen reifen nicht nur absolut früher als Jungen, sie reifen auch relativ im Rahmen des weiblichen Wachstumsverlaufs früher (21). Dies könnte bei dem viel engeren Zeitrahmen des fertilen Alters beim weiblichen Geschlecht gegenüber dem männlichen die Folge eines evolutionär früh angelegten Siebungseffekts sein: Für die Vor- und Frühgeschichte der Menschheit wird eine hohe Säuglingssterblichkeit bei langer Stillzeit angenommen. Ein frühes Erreichen der weiblichen Fortpflanzungsfähigkeit bedeutete die Chance, mehr Kinder zu haben und damit mehr Nachkommen mit der Möglichkeit, selbst das fertile Alter zu erreichen. Dieser Evolutionsdruck war für das männliche Geschlecht viel geringer.

Noch heute gebären pyknomorphe Frauen im Mittel mehr Kinder als leptomorphe (13), und pyknomorphe Kinder haben mehr Geschwister (17). Die seit etwa 150 Jahren zunächst in den wirtschaftlich florierenden Ländern mit guter medizinischer Versorgung beobachtete und als säkulare Akzeleration bezeichnete Wachstums- und Entwicklungsbeschleunigung von einer Generation zur nächst folgenden betrifft nicht nur das Körperwachstum, sondern auch die
Entwicklung der sexuellen Reifungszeichen (23, 24, 25, 26, 27, 28, 29, 5, 30, 31, 15). Die Reihenfolge des Erscheinens der einzelnen Reifungszeichen scheint von dieser Entwicklungsbeschleunigung nicht betroffen zu sein (6, 7, 3, 32, 33, 34).

Zur Zeit der Untersuchungen für diese Studie hielt in der deutschen Bevölkerung der positive säkulare Trend sowohl für das Wachstum als auch für die sexuelle Reifung noch unvermindert an, jedoch nahmen die Korpulenzmaße bereits deutlicher säkular zu als die Längenmaße (35, 36, 37). In den letzten Jahren mehren sich die Meldungenüber ein Ausklingen des positiven säkularen Trends in den Industrieländern zumindest für die Körperhöhe, während die Zunahme bei allen Korpulenzmaßen und besonders beim Unterhautfettgewebe und dem Gesamtkörperfettgehalt unvermindert anhalten (38). Es bleibt abzuwarten, wie sich diese Entwicklung auf den säkularen Trend der sexuellen Reifungszeichen auswirkt.

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Korrespondenzadresse:

Prof. Dr. rer. nat. habil. Holle Greil,
FG Humanbiologie, Institut für Biochemie und Biologie, Universität Potsdam,
Am Neuen Palais 10, 14469 Potsdam,
Tel: 0331 977-1917,
E-Mail: Email Prof. Dr. Holle Greil

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