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Buchbesprechung

Kindesmisshandlung
Medizinische Diagnostik, Intervention und rechtliche Grundlagen

Herrmann B., Dettmeyer R., Banaschak S., Thyen U.
Springer Medizin Verlag Heidelberg 2008
347 Seiten, 177 Abbildungen, 60 Tabellen
ISBN 978-3-540-77445-7

€ 49.95

Den Herausgebern und Verfasser dieses Buches ist es gelungen, etwas zu schaffen, worauf alle ärztlichen und nicht ärztlichen Fachleute, die sich mit Kindern und Jugendlichen befassen schon lange gewartet haben –das erste umfassende Fachbuch in deutscher Sprache, das sich mit der schwierigen und komplexen Thematik der Kindesmisshandlung auseinandersetzt und das die Grundlagen für professionelles Handeln in einem multiprofessionellen Kinderschutzsystem vermitteln soll, was die Herausgeber als ihr Ziel setzten und, meiner Meinung nach, erreicht haben.

In der  Einleitung ( Kapitel 1 )  wird vor allem auf die Rolle des Arztes im Kinderschutz und auf die detaillierte spannende Entwicklung des allgemeinen und des medizinischen Kinderschutzes eingegangen.

Es folgen 6 Übersichtskapitel ( A – F ) die in einzelne Kapitel (  2.  – 24.  ) unterteilt sind.
Am Ende des Buches findet man einen Anhang  mit wichtigen Terminologien, Tabellen, Übersichten, Leitlinien, Literatur und Dokumentationsbögen. Die aktuellsten Literaturangaben finden sich auch am Ende jedes Kapitels.

A Körperliche Kindesmisshandlung

Im Kapitel A2 wird allgemein auf die Diagnostik bei körperlicher Misshandlung und Vernachlässigung eingegangen. Hinweise werden besprochen und die Bedeutung der Anamnese bei Verdacht wird hervorgehoben. Die umfassende , schonende Körperuntersuchung, die apparativen  und Laboruntersuchungen sowie die Bildgebenden Verfahren werden beschrieben. Hier so wie durch das ganze Buch, wird das Wichtigste zusammengefasst und ist sofort auffindbar, da in blauer Schrift auf hellgrünem  Hintergrund. Zusätzlich finden sich auf blauem Hintergrund Übersichts-Tabellen unter anderem mit relevanten diagnostischen Kriterien, Differenzialdiagnosen,  Befundinterpretationen nach aktueller Evidenz. Auf die wichtige und schwierige Frage ob eine akzidentelle Verletzung oder eine nicht akzidentelle vorliegt, wird allgemein eingegangen; in den späteren Kapiteln spezifischer, in  Zusammenhang mit dem besprochenen Körperteil.
In roter Schrift werden einige Aspekte zusätzlich hervorgehoben.

Das Kapitel A3 befasst sich mit den nicht akzidentellen Kopfverletzungen und dem Schütteltrauma-Syndrom oder „ Shaken – Baby- Syndrom. Es wird hier ganz speziell darauf hingewiesen, dass das Schütteln einen relativ spezifischen Mechanismus aus dem Spektrum misshandlungsbedingter Kopfverletzungen darstellt. Interessant sind auch die Kontroversen, Pseudokontroversen und die offene Fragen bei bestimmten Aspekten nicht akzidenteller Kopfverletzungen insbesondere beim Schütteltrauma, wo es praktisch keine evidenzbasierten Erkenntnisse gibt.

Das Kapitel A4 ist der Haut gewidmet, die als Organ bei  ca. 90 % der misshandelten Kinder betroffen ist. Wie auch in anderen Kapitel sehr klar und übersichtlich dargestellt mit guten Abbildungen.

Im Kapitel A5 werden gut verständlich Knochenverletzungen beschrieben – unter anderem die allgemeinen Kennzeichnen, die typische Anamnesen und Schutzbehauptungen, die indizierten Untersuchungen und eine eingehende Frakturdiagnostik mit den  Differenzialdiagnosen.

Das Kapitel A6 ist den thorakalen, abdominellen, HNO-verletzungen und den seltenen und/oder ungewöhnlichen Formen der Kindesmisshandlung gewidmet, unter anderem das Münchausen-Syndrom-by-Proxy und die „ Female Genital Mutilation ".

B Sexueller Kindesmissbrauch

Dieser Abschnitt ist dem sexuellen Missbrauch gewidmet und bespricht im Kapitel 7 wichtige Grundlagen – wie z. Bsp. „ der erste und wichtigste Schritt zur Diagnose eines sexuellen Kindesmissbrauchs ist anzuerkennen, dass das Problem  existiert „  oder „ das Fehlen medizinischer Befunde schliesst einen zurückliegenden sexuellen Übergriff nicht aus „ .
Die Möglichkeiten und Grenzen des medizinischen Ansatzes sind ein sehr hilfreicher Bestandteil dieses Kapitels.

Kapitel 8  beschreibt genau die Anamneseerhebung sowie die medizinische Untersuchung
und die verschiedenen Fragen, die vor jeder Untersuchung auftreten : Notwendigkeit, Dringlichkeit , Forensische Aspekte, Umgang mit dem Kind als Opfer, Vorgehen und Ablauf der anogenitalen Untersuchung mit den verschiedenen sinnvollen Positionen und Techniken.
Klare Zeichnungen illustrieren den Text.

Im Kapitel 9 werden die anogenitalen Befunde zunächst nach Normalbefunden und ihren Variationen in jeder Altersstufe beschrieben, denn für die Einordnung als pathologisch sind entsprechende gründliche Kenntnisse unentbehrlich. Normale Anatomie und Normvarianten werden klar in Text und Bild dargestellt, zusätzlich und sehr wichtig auch andere medizinisch erklärbare Normalbefunde. Die anogenitalen Befunde werden nach Klassifizierungsschemata beurteilt, die Hilfsstrukturen darstellen und wertvoll sind. Die aktuellste Klassifizierung nach Adams liegt im Anhang ausführlich vor und wurde durch B. Herrmann übersetzt und leicht modifiziert.

Nach Norm, Normvarianten  und deren Klassifizierung ( Adams I ) folgt die Beschreibung der Befunde bei sexuellem Missbrauch und deren Interpretation nach Adams :  Befunde unklarer Signifikanz ( Adams II )  und diagnostische Befunde bei sexuellem Missbrauch ( Adams III ). Es werden auch akute und chronische Genitalbefunde bei Jungen beschrieben. Die Wichtigkeit einer guten Dokumentation wird betont. Die Aussagekraft anogenitaler Befunde nach sexuellem Missbrauch wird in einer Übersicht ( hellgrüner Hintergrund, blaue Schrift ) dargestellt, die die Studienlage zu genitalen Auffälligkeiten nach sexuellem Missbrauch darstellt ( 2001 – 2007 ).

Im Kapitel 10 werden die sexuell übertragbaren Erkrankungen, deren Diagnostik, Therapie und Prophylaxe vorgestellt.

Im Kapitel 11 finden wir wichtige Differenzialdiagnosen ( nach Ätiologie, nach dem klilnischen Bild ), die  bei der Beurteilung von Befunden berücksichtigt werden müssen –
Klare Übersichtstabellen sind dabei eine grosse Hilfe.

C Vernachlässigung und emotionale Misshandlung

Im Kapitel 12 und 13 werden die verschiedenen Aspekte dieser oft zu wenig berücksichtigten Misshandlungsform diskutiert.

D Kindstötung

Kapitel 14, 15 und 16  Grundlagen, Tötung von Neugeborenen und Säuglingen, Tötung von Kindern. Suizid von Kindern.

E Beweissicherung und gerichtliche Verfahren

Rechtliche Rahmenbedingungen sind oft nicht genügend und in Einzelheiten bekannt, so dass dieser Abschnitt die Orientierung erleichtern sollte, zumindest in Deutschland.
In den Kapiteln 17 und 18 wird die Beweissicherung ohne und mit polizeilicher Hilfe vorgestellt. Eine genaue Beschreibung der Befunde, die Entnahme von Abstrichen, die Dokumentation und die Asservierung sind von grosser Wichtigkeit in der Beweisführung.  Die enge Zusammenarbeit mit der Rechtsmedizin ist von grösster Wichtigkeit aber regional nicht immer möglich.

Kapitel 19 befasst sich mit der Misshandlung und dem Missbrauch im Strafgesetzbuch und
im Kapitel 20 wird der gesetzliche Opferschutz behandelt : unter anderem zivilrechtliche Schutzmassnahmen, Regelungen im Kinder- und Jugendhilfegesetz, Opferschutz im Strafverfahren.

F Intervention und Prophylaxe

Intervention und Prävention bei Misshandlung und Vernachlässigung und Umgang mit dem
Verdacht werden im Kapitel 21 beschrieben und geben der Fachperson Hinweise über die Möglichkeiten des aktiven Kinderschutzes und der multidisziplinären Kinderschutzarbeit.
Sehr klar wird der ärztliche Umgang mit dem Verdacht auf Misshandlung im Kapitel 22 dargestellt und die Wichtigkeit der Früherkennung hervorgehoben, um die notwendigen Hilfsmassnahmen einleiten zu können. Kapitel 23 erläutert die verschiedenen Hilfen für Kinder und Familien sowie die Wichtigkeit der Kinderschutz-Zentren, Kinderschutzgruppen und Beratungsstellen. Kapitel 24 ist den drei Arten der Prävention gewidmet – primäre, sekundäre und tertiäre Prävention. Deren Ziel ist die Senkung von Kindesmisshandlung, die frühe Identifizierung von Risikofaktoren oder die Frühintervention und bei bereits stattgefundener Misshandlung die Behandlung, die Rehabilitation und das Verhindern weiterer Misshandlungssituationen und deren Folgeschäden.

Dieses Buch ist ein unentbehrliches Werkzeug und ein umfassendes aktuelles Nachschlagewerk nicht nur für Kinder- und Jugendärzte sondern auch für Kollegen anderer Fachdisziplinen, die mit Problemen dieser Altersgruppe konfrontiert sind. Kindesmisshandlung ist häufig, Kinderschutz  ist das Ziel – den vier Autoren ist es gelungen, klar uns den Weg zu zeigen, wofür wir alle, aus der Klinik, aus dem Praxisalltag, aus der Kinderschutzgruppe, sehr dankbar sind.

Francesca Navratil

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