Die Subdisziplin “Kinder- und Jugendgynäkologie” hat in Deutschland organisatorisch erst spät Fuß gefasst. Das erste Lehrbuch für Kinder- und Jugendgynäkologie erschien 1939 in Ungarn, die erste Bettenstation für Kinder mit gynäkologischen Erkrankungen wurde 1940 an der Universitäts-Frauenklinik in Prag eröffnet.
In den Folgejahren führte das Interesse an der Subdisziplin in Polen und Ungarn, in der DDR und in der Sowjetunion, später in Frankreich, in der Schweiz und in England zur Organisation regelmäßiger Spezialsprechstunden. Die Gründung der internationalen Vereinigung für Kinder- und Jugendgynäkologie (FIGIJ) im Jahre 1971 ist vor allem auf die Bemühungen von Prof. R. Contamin, Grenoble, zurückzuführen, der auch ihr erster Präsident wurde.
1972 suchte Prof. R. K. Kepp mit einer Umfrage bei den Mitgliedern der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG) Interessenten für die Subdisziplin. Lediglich13 Persönlichkeiten meldeten sich aus der damaligen Bundesrepublik Deutschland. Nur sechs Jahre später, im Januar 1978, kamen jedoch über 200 Kolleginnen und Kollegen zu dem Treffen in Düsseldorf, das von Prof. Dr. med. P. Stoll, Mannheim, geleitet und bei dem die Arbeitsgemeinschaft konstituiert wurde.
Die Arbeitsgemeinschaft wurde als Sektion in die DGGG aufgenommen und ist heute sowohl unter dem Dach der DGGG als auch DGKJ verankert. Die Eintragung als Verein erfolgte 1980 am Registergericht München; die Bestätigung der Gemeinnützigkeit ist bis heute immer wieder erteilt worden.
Die Satzung der Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugendgynäkologie e. V. sieht eine paritätische Besetzung des Vorstandes mit Gynäkologen und Pädiatern vor. Die enge Verbindung der Disziplinen wurde insbesondere unter dem Vorsitz von Prof. Dr. med. H. Olbing, Essen, intensiviert. Grundsätzlich gilt bis heute sein Ausspruch: "Wer es am besten kann, der soll es machen.” Mit anderen Worten: Bei der Beratung, Behandlung und Betreuung des Mädchens müssen Kinder- und Frauenarzt Hand in Hand arbeiten.
Beim Arbeitstreffen in Düsseldorf wurde auch bereits ein Katalog an Themen für die Fortbildung aufgestellt, der die wichtigsten Probleme in der Subdisziplin fixierte. Neben diagnostischen und therapeutischen Fragestellungen sind prophylaktische und pädagogische Aspekte aufgeführt. Des weiteren wurde ein Mitteilungsblatt konzipiert. Die erste Ausgabe von “korasion” erschien 1986.
Die Arbeitsgemeinschaft hat die ihr gesteckten Ziele in den vergangenen Jahren mit zahlreichen Fortbildungsveranstaltungen und Kongressen erfolgreich verfolgt. Zudem sind in diesen Jahren mehrere Fachbücher zur Kinder- und Jugendgynäkologie in unserem Lande erschienen.
Es ist der Arbeitsgemeinschaft darum zu tun, ein Netz von kinder- und jugendgynäkologisch Tätigen zu schaffen, so dass jede Kollegin/jeder Kollege im Bedarfsfall weiß, an wen zu überweisen ist. Der wachsenden Kompetenz der Fachleute musste das Wissen in der Bevölkerung gegenübergestellt werden, dass auch kleine Mädchen Frauenkrankheiten bekommen können. Einen Anschub brachte die Vereinigung Deutschlands: Langjährig in der Subdisziplin erfahrene Persönlichkeiten traten unserer Arbeitsgemeinschaft bei, an der Spitze Dr. med. Marlene Heinz, unsere heutige 1. Vorsitzende.
In der DDR reichte die Historie der Kinder- und Jugendgynäkologie weiter zurück: 1967 fand die erste Sprechstunde für Kinder- und Jugendgynäkologie an der Universitäts-Frauenklinik Rostock statt. Schon im folgenden Jahr (1968) wurden Sprechstunden für Kinder- und Jugendgynäkologie an der Frauenklinik des Oskar-Ziethen-Krankenhauses in Berlin-Lichtenberg angeboten. 1969 wurde an diesem Haus zudem eine Station für Kinder- und Jugendgynäkologie eingerichtet. Diese konnte 1976 mit gewachsener Erfahrung und infolge verbesserter, ambulant möglicher endokrinologischer Diagnostik jedoch wieder aufgelöst werden.
1972 wurde die Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugendgynäkologie unter dem Dach der Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe der DDR begründet. Die Mitglieder waren 25 bis 30 aktiv in der Kinder- und Jugendgynäkologie tätige Frauenärzte aus den Universitäts-Frauenkliniken, den Bezirks- und Kreiskrankenhäusern und aus den poliklinischen Bereichen. In den Folgejahren wurde eine systematische Fortbildung und Qualifizierung aller Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft betrieben durch zwei- bis dreimal jährliche AG-interne Fortbildungen und durch mehrere Symposien mit internationaler Beteiligung (insbesondere in Erfurt und Halle).
Im Ergebnis entstand ein landesweites Netz von gynäkologischen Ansprechpartnern in ca. 20 etablierten Sprechstunden für Kinder- und Jugendgynäkologie. Mit EDV-Programmen wurden epidemiologische Daten zur Kinder- und Jugendgynäkologie erfasst. Außerdem erschienen mehrere Fachbücher über Kinder- und Jugendgynäkologie (1972, 1974, 1985, 1989 und 1994).
Seit 1990 arbeiten alle kinder- und jugendgynäkologisch interessierten Ärzte Deutschlands - zu 2/3 Gynäkologen und zu 1/3 Pädiater - in der Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugendgynäkologie e.V. zusammen.
Im gleichen Jahr fand in Dresden der 5. Europäische Kongress für Kinder- und Jugendgynäkologie statt. Neben regionalen Fortbildungen wurden durch Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft zudem mehrere bundesweite Symposien organisiert, so in Düsseldorf 1990 und 1995, in Stuttgart 1993, in Berlin 1992, 1994,1998, 2001, 2005, 2009 und 2011sowie in München 2003 anlässlich des 25 jährigen Bestehens der Arbeitsgemeinschaft und 2007.
Die deutsche Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugendgynäkologie arbeitet eng mit den Arbeitsgemeinschaften der deutschsprachigen Nachbarländer Österreich und Schweiz zusammen. Sie ist Mitglied der FIGIJ. Prof. Dr. med. Ch. Lauritzen, Ulm, hatte in dieser internationalen Organisation jahrelang das Amt des Präsidenten inne. Deutschland war im FIGIJ Board bis 2005 vertreten.Im Rahmen der Weltkongresse sowie auch der europäischen Kongresse der FIGIJ finden internationale Prüfungen auf dem Gebiet der Kinder- und Jugendgynäkologie statt (IFEPAG); qualifizierte Kolleginnen und Kollegen können sich bewerben. Das erste Examen fand 1997 anlässlich des Europäischen Kongresses in Wien statt. 8 Frauen - und 24 Kinderärzte aus Deutschland haben bis jetzt die IFEPAG Prüfung erfolgreich absolviert.
Zur weiteren Qualifizierung interessierter Fachärzte für Gynäkologie und Pädiatrie bietet die AG seit 2006 Intensivkurse an, um die Kompetenz zur Durchführung kinder- und jugendgynäkologischer Sprechstunden zu erhöhen.
Dr. med. Judith Esser Mittag, Düsseldorf
Dr. med. Marlene Heinz, Berlin